Tagungs-Datum: 
08.03.2012 bis 11.03.2012
Thema: 
ANGST SCHREIBEN
Ort: 
Plankstetten

Segeberger Jahrestagung - Programm 2012

Das Thema der Jahrestagung 2012 führt an eine Grundfrage menschlichen Daseins: Angst. Der Philosoph Søren Kierkegaard beschreibt Angst als Grundbefindlichkeit unserer Existenz. Literatur hat es mit dem Mensch-Sein zu tun. Deshalb ist es kein Wunder, dass in aller Literatur direkt oder indirekt Motive der Angst zu entdecken sind, mehr noch, dass die existenzielle Wucht der Angst gleichsam zum Katalysator für Literatur wird. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm beispielsweise leben geradezu vom Motiv der Angst. Spätestens seit Bruno Bettelheims Kinder brauchen Märchen wissen wir aber auch, dass Literatur schon früh im Leben Mittel sein kann, unsere Angst zu verarbeiten. Der Horror, das dunkle Unwohlsein, die unheimlichen Ängste bekommen eine lesbare Form, mit der die Unwägbarkeiten des Lebens fassbar und vielleicht sogar verarbeitbar werden.

Manchmal reichen im einschlägigen literarischen Genre wenige Worte, um ein Unwohlsein zu bewirken: Eine Tote wird gefunden. Der Geruch, die Fliegen! Beileibe aber ist das Spiel mit dem Schrecken und der Angst nur ein Phänomen der Literatur der Moderne. Beim Klassiker zur Geschichte der Horrorliteratur, bei H. P. Lovecrafts Literatur der Angst, ist zu lernen, dass schon mit der Entstehung der Sprache Geschichten über die dunklen, unheimlichen, grausigen und bedrohlichen Seiten der Weltgeschichte festgehalten wurden, die dann im Genre der fantastischen Literatur zur Horrorliteratur wurde.

Von Interesse sind auf der Schreibtagung nicht so sehr die psychologischen Dimensionen der Angst, sondern vielmehr die literarische Gestaltung der psychischen und sozialen Mechanismen, die mit Angst zu tun haben. So soll es auch um die allenthalben in der Gesellschaft auffindbaren Ängste gehen. Auf die Ängste, die mit der Fragmentierung der Großinstitute der Gesellschaft  (z. B. Parteien) einhergehen und die Brüche des individuellen Lebens auslösen, lässt sich auch literarisch antworten, indem Desorientierung, ökonomische Unsicherheiten und wachsende soziale Perspektiv­losigkeit thematisiert und erfasst werden. Die Schreibgruppen können dieses Wechselspiel der Ängste von außen und der Ängste von innen aufgreifen, die ja ein Kerngeschäft der Literatur sind.