Tagungs-Datum: 
05.03.2015 bis 08.03.2015
Thema: 
IM AUGENBLICK DER KRISE
Ort: 
Fuldatal

Segeberger Jahrestagung - Programm 2015

Als Bild für die Krise steht uns die Fieberkurve vor Augen, die Anzeigentafel mit dem Börsenkurs oder der Monitor im Krankenhaus. Flackernd und zitternd verläuft die Linie auf dem Gitter unseres Koordinatensystems. Sie gleicht einem unruhigen Flammenrand und erzeugt ein Bild wie ein zweidimensionales Lagerfeuer. Vor diesem Bild versammelt sich die Welt, die Banken oder unsere Körper und Seelen, um den Verlauf der Krise zu beobachten. Die Semiotik der Parameterdarstellung überdeckt den Gedanken daran, an der Besinnung auf das Unvorstellbare irre werden zu können. Der bange Blick wird genährt von Hoffnungen auf ein Gleichgewicht. Mögliche Verwerfungen und Neuerungen werden im Augenblick der Krise verdrängt von der Hoffnung auf Rückkehr zu Normalität und Balance.

Im literarischen Schreiben lassen sich Erkundungen zum Ausmaß der Krise unternehmen. Literatur kann nicht nur heraufziehende oder abfallende Katastrophen fassen, sondern vor allem den Augenblick der Krise. Literatur lässt uns Bewegungsmöglichkeiten entdecken und den Wechsel der Perspektiven. Und produktiv gewendet: In der Krise kann aus der Angst vor dem Unvordenklichen, in dem der Augenblick zur Unendlichkeit des Ertragens und Aushaltens wird, Literatur werden. Die Krise ist Stoff und Thema der Literatur. Bei Christa Wolf beispielsweise erhält die Krise den Titel Störfall. Ihre Erzählung kann uns wirklich bewegen, weil die Krise literarisch nicht eindeutig, sondern vieldeutig zur Sprache kommt. Im Fall von Christa Wolfs Erzählung aus dem Jahr 1987 dadurch, dass die kollektive Katastrophe des Reaktorunfalls von Tschernobyl mit einer riskanten Gehirnoperation des Bruders der Erzählerin am selben Tag zusammentrifft. Das Unfassliche kann erzählt werden. Im Augenblick der Krise gibt es eine Sprache, mit der über ungehemmte Kräfte, über die wir keine Kontrolle mehr haben, geschrieben werden kann. Das ist das Thema der Jahrestagung 2015: eine Sprache zu finden für den Augenblick der Krise.

Das Schreiben selbst kann in die Krise geraten. Dann gibt es keine Sprache. Weil es sich bei Literatur um ein Medium der Konstruktion von Erinnerungen und Identitäten handelt, ist mit der Auslöschung der Erinnerung und Vergegenwärtigung die Sprachlosigkeit verbunden und zugleich die eigene Kenntlichkeit. Schreibkrisen sind oft genug keine einfachen Blockaden, sondern Erinnerungskrisen. Schreiben im Augenblick der Krise eröffnet neue Zugänge zur Identität. Das Schreiben literarischer Texte ist zugleich aber mehr, als nur Identitäten auf den Markt zu bringen. Literarische Krisen entstehen auch dort, wo nur noch poetische Marker erzeugt werden, aber keine Literatur. Auch dieser immer krisenhafte Prozess literarischen Schreibens zwischen Identität, Erinnerung und poetischem Text kann auf der Jahrestagung untersucht werden.

Presserückschau Hessisch-Niedersächsische Allgemeine 13.3.2015