Tagungs-Datum: 
03.03.2016 bis 06.03.2016
Thema: 
Fluchten, Grenzgänge
Ort: 
Münster

 

Segeberger-Jahrestagung 2016 Programm

 

Aktueller war das Thema einer Jahrestagung des Segeberger Kreises selten: Fluchten, Grenzgänge. Lässt sich davon erzählen? Sind Fluchten oder Grenzgänge, wie wir sie gegenwärtig erleben, ein literarisches Thema? Ist das nicht viel mehr eine journalistische Aufgabe, Aktualität zu lesbaren informierenden Texten zu machen? Eine Erzählung ist eine Rede über einen zeitlich vorausliegenden Vorgang, ein früheres Geschehnis, eine Begebenheit. Aber die ‚Geschehnisse‘ der Flucht, die ‚Begebenheiten‘ bei der Errichtung neuer Grenzen, die ‚Erlebnisse‘ beim Verteilen von Essen an Flüchtlinge oder beim Sortieren von Kleidern für Kinder, Männer und Frauen sind nicht vorbei. Sie sind gegenwärtig und sorgen für eine unglaubliche politische und soziale Diffusität. Jetzt also doch literarische Texte als Teil eines Hilfsprojekts für mehr Klarheit und Richtung in der Flüchtlingsfrage?
Poetische oder literarische Texte sind mehrdeutig. Literatur lässt Offenheit und Ambiguität bestehen und verwandelt Welt in fiktionale Texte. Wie? ­Jenny Erpenbeck macht die Stammformen gehen, ging, ­gegangen zum Titel ihres aktuellen Romans. Aus ihnen lassen sich alle Erscheinungsformen, die der lexikalische Teil des Wortes annehmen kann, entwickeln. Unter der Lakonie grammatischer Formen versammeln sich in Erpenbecks Roman viele unbeantwortete Fragen: Was passiert mit der Lebensperspektive des in Pension gehenden Protagonisten, eines Professors, der sich für Flüchtlinge engagiert? Was mit der Lebenszeit der Flüchtlinge? Was passiert überhaupt mit der Zeit?


Die Nachkriegsgeschichte in Deutschland und Europa kennt die Flucht als Folge nationalsozialistischer Verbrechen. Als Muster für die Bewältigung der aktuellen Situation taugen die aus der damaligen Not geborenen Zwangsmaßnahmen der Militär­regierungen in Deutschland kaum (Umsiedlungen, Vermögensabgaben, Lasten­ausgleichsmaßnahmen). Aber die Fragen, die aus der Begegnung mit den Flüchtlingen entstanden sind, sind vielleicht vergleichbar. Und auch der Umstand, dass die Literatur dieser Zeit und über diese Zeit mehrdeutig bleiben muss, wenn sie tragende Antworten geben will.
Die Jahrestagung soll Suchbewegungen ermög­lichen mit den Mitteln der Poesie und Literatur. Das Thema dieser Suche ist die Flucht, das Auswandern vielleicht, das Weggehen. Wie war das Leben vor der Flucht? Wie der Alltag, die Familie, die um den Tisch gesessen hat, wie das Leben derjenigen, die Menschen sind wie wir? Und auch: Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Und in den Schreib­gruppen können weitere Fragen gefunden werden, die uns gänzlich ungelöst erscheinen.

Eröffnung in Münster
 

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